In Supervisionen taucht das Thema immer wieder auf: Die Praxis ist gut gebucht, die Arbeit wird geschätzt – und trotzdem könnte die Auslastung besser sein. Oft liegt es nicht an der Qualität, sondern daran, dass die Website nicht die Sprache derer spricht, die sie erreichen soll.

Denn während viele Praxis-Texte die Methode erklären, beschreiben nur wenige das Problem der Menschen, die Hilfe suchen. Dabei ist genau das der Schlüssel: Betroffene suchen nicht nach Fachbegriffen, sondern nach Lösungen für ihre konkreten Beschwerden.

Eine Vorbemerkung: Wir sind keine Webagentur und dieser Artikel behandelt weder Getsaltung noch Technik. Was wir beitragen können, ist der Teil, den keine Agentur für Sie übernehmen kann: die inhaltliche Vorabeit. Für wen schreiben Sie? Welche Worte verwenden diese Menschen? Und wie beschreiben Sie Ihre Arbeit so, dass sie verstanden wird?

Als durchgehendes Beispiel dient eine Praxis mit Schwerpunkt Biofeedback bei Migräne. Das Vorgehen lässt sich auf jede andere Indikation übertragen.

Der häufigste Fehler: über die Methode schreiben

Ein Blick auf die eigene Hompage ist aufschlussreich. Häufig steht dort sinngemäßg einer dieser Sätze: 

“Herzlich willkommen in meiner Praxis für Psychotherapie und Biofeedback.”
“Biofeedback – die wissenschaftlich fundierte Methode zur Selbstregulation.”

Beide Formulierungen sind zwar fachlich korrekt, aber für die lesende Person ohne Bedeutung. Menschen suchen nicht nach Biofeedback, sondern nach einer Lösung für ein Problem. Sie geben bei Google “Migräne was tun ohne Medikamente” ein, nicht “Vasokonstriktionstraining”.

Die Homepage hat deshalb in den ersten Sekunden eine einzige Aufgabe: erkennbar zu machen, dass dieses Problem hier verstanden wird. Die Methode folgt später. 

Methodenorientiert Zielgruppenorientiert
“Biofeedback ist ein verhaltensmedizinisches Verfahren.” “Migräne kündigt sich im Körper an, bevor der Schmerz einsetzt.”
“Wir trainieren die Vasokonstriktion der A. temporalis.” “Sie sehen auf dem Bildschirm, wie sich die Durchblutung Ihrer Schläfe veröndert und lernen, sie zu beeinflussen.”
“Angebot: Psychotherapie, Biofeedback, Entspannung” “Schwerpunkt: Migräne und Spannungskopfschmerz”

Es geht dabei nicht um einen Verzicht auf Fachlichkeit, sondern um deren Platzierung. 

Schritt 1: Die Zielgruppe festlegen

An diesem Punkt entsteht häufig die Rückfrage: Verliert man mit einem Schwerpunkt nicht alle übrigen Anfragen?

Die Erfahrung spricht dagegen. Eine Website, die alle Zielgruppen gleichzeitig anspricht, bleibt für jede einzelne unspezifisch. Ein klarer Schwerpunkt wird dagegen als Kompetenzsignal gelesen und führt in der Praxis auch zu Anfragen außerhalb des Schwerpunkts. Wichtig ist hierbei: Weitere Angebote bleiben auf Unterseiten bestehen.

Vier Fragen strukturieren die Festlegung:

  1. Mit welchen Patient:innen arbeiten Sie tatsächlich gut und gerne?
  2. Welchen Satz sagt diese Gruppe im Erstgespräch fast immer?
  3. Was wurde vorher bereits versucht?
  4. Welche Bedenken bestehen gegenüber Ihrem Angebot?

 

Merkmal Ausprägung
Situation 2-8 Migränetage pro Monat, medikamentös versorgt, aber unzufrieden
Leitgefühl Kontrollverlust, Planungsunsicherheit
Bisheriger Weg Neurologie, Akutmedikation, ggf. Prohpylaxe, abgebrochener Entspannungskurs
Wunsch Ergänzend selbst aktiv werden können
Bedenken Ein weiteres Verfahren, das viel verspricht und wenig hält
Suchverhalten “Migräne ohne Medikamente”, “Migräne Stress”, “Biofeedback Migräne Erfahrungen”

Schritt 2: Die Sätze Ihrer Patient:innen sammeln

Dieser Schritt lässt sich nicht deligieren: Weder eine Agentur noch ein Textbüro kennt die Formulierungen, mit denen Menschen ihre Beschwerden tatsächlich beschreiben. Sie hören diese Sätze jede Woche.

Legen Sie über vier bis sechs Wochen eine Notizdatei an und halten Sie fest, was Ihnen in Erstgesprächen begegnet; möglichst wörtlich, nicht in Fachsprache übersetzt. Hier ein paar Beispiele:

  • Beschwerdebeschreibungen. “Es fühlt sich an, als würde jemand mit einem Hammer von innen gegen meine Schläfe schlagen.”
  • Aussagen zum Kontrollerleben. “Ich weiß nie, ob ich einen Termin am nächsten Tag zusagen kann.”
  • Der bisherige Weg. “ich war bei drei Ärzten und niemand hat wirklich hingeschaut.”
  • Die Erwartung an Sie. “Ich möchte nicht nur Tabletten nehmen, ich möchte selbst etwas tun können.”
  • Die Bedenken. “Ist das so etwas Ähnliches wie Autogenes Training? Das hat bei mir nicht funktioniert.”

Aus diesen Notizen entsteht der Abschnitt, der auf einer Praxis-Website am stärksten wirkt und am häufigsten fehlt: eine Auflistung unter einer Überschrift Kennen Sie das?, in der die lesende Person sich selbst wiederfindet. Und die Inhalte dort sind nicht ausgedacht, sondern mitgeschrieben.

Schritt 3: Die Reihenfolge der Argumente

Ein Erstgespräch beginnt niemand mit einer Erklärung der Messtechnik. Man beginnt damit, zuzuhören und das Anliegen zu verstehen. Die Methode kommt zur Sprache, wenn klar ist, worum es geht. Eine Website funktioniert nach derselben Logik – nur führt die lesende Person das Gespräch allein und bricht ab, sobald sie den Faden verliert.

Als Prüfraster eignet sich die Reihenfolge der Fragen, die Betroffene innerlich stellen:

  1. Versteht diese Praxis mein Problem?
  2. Was geschieht dabei eigentlich in meinem Körper?
  3. Was wird hier konkret gemacht?
  4. Was habe ich davon?
  5. Wie läuft das ab, wie lange dauert es, was kostet es?
  6. Kann ich dieser Person vertrauen?
  7. Wie gehe ich jetzt vor?

Prüfen Sie Ihre bestehenden Texte gegen diese Reihenfolge. Erfahrungsgemäß fehlt eine Antwort besonders häufig.

Das ist die Antwort zu Frage 2. Hier liegt eine Einordnung, die vielen Betroffenen neu ist: Es wird diskutiert, dass an einer Migräneattacke Veränderungen der Gefäßweite beteiligt sind, welche zu starken pulsierenden Schmerzen führen. Genau daran setzt das Vasokonstriktionstraining an: Betroffene lernen, die Durchblutung der Schläfengefäße willentlich zu beeinflussen. Diese Erklärung schafft die Brücke zwischen der eigenen Schmerzerfahrung und Ihrem Angebot. Ohne sie wirkt Biofeedback wie ein beliebiges Verfahren unter vielen.

Schritt 4: Nutzen statt technischer Merkmale

Patient:innen entscheiden sich nicht für Messwerte, sondern für eine veränderte Alltagssituation. Die Übersetzung gelingt mit einer Prüffrage, die so lange wiederholt wird, bis die Antwort im Alltag stattfindet: Und was habe ich davon?

 

Technisches Merkmal Nutzen
Messung der Durchblutung an der Schläfenarterie Ein Vorgang, der bisher unbeeinflussbar schien, wird sichtbar
Vasokonstriktionstraining Eine erlernbare Reaktion, die sich auch außerhalb der Praxis abrufen lässt
Verlaufsdokumentation über zehn Sitzungen Veränderungen werden nachvollziehbar
Individuelles Stressprofil Persönliche Auslöser werden benennbar

 

Abschließend

Die zentrale Frage beim Aufbau einer Praxis-Website lautet nicht, wie sich Biofeedback verständlich erklären lässt. Sie lautet, was ein Mensch mit akuten Beschwerden lesen muss, damit er sich verstanden fühlt. 

Diese Frage ist keine Gestaltungsfrage. Sie ist eine Frage der Sprache und die Antwort darauf haben Sie bereits: Sie hören sie in Ihren alltäglichen Gesprächen. 

Häufig gestellte Fragen

Führt eine Spezialisierung zu weniger Anfragen?

In der Praxis eher zum Gegenteil. Ein klarer Schwerpunkt wirkt als Kompetenzsignal und zieht auch Anfragen außerhalb des Schwerpunkts nach sich. 

Lässt sich die Textarbeit auslagern?

Gestaltung und Technik ja, die inhaltliche Grundlage nur eingeschränkt. Die Formulierungen, mit denen Ihre Patient:innengruppe über ihre Beschwerde spricht, kennen Sie aus der Sprechstunde – ein externes Textbüro nicht. 

Darf auf die Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne hingewiesen werden?

Ein sachlicher Verweis auf die vorhandene Datenlage mit korrekter Quellenangabe ist zulässig. Nicht zulässig sind Heilversprechen und Wirksamkeitsaussagen, die über die Studienlage hinausgehen. 

Diese Fragen gehören besprochen

Positionierung, Zielgruppenansprache und Praxisaufbau kommen in der fachlichen Ausbildung selten vor, entscheiden im Berufsalltag aber wesentlich mit. Deshalb endet unsere Begleitung nicht mit dem Zertifikat: In den Supervisionen für unsere Absvolent:innen ist genau dafür Raum (neben den fachlichen Fragen aus der laufenden Arbeit. 

Der Universitätslehrgang Biofeedbacktherapie und Neurofeedbacktherapie in Kooperation mit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien verbindet fundierte Methodenkompetenz mit dem Handwerkszeug für die eigene Praxis und mit einem Netzwerk, das Sie darüber hinaus begleitet.